Mühsamer Tag

Alle Ecken spitz
alle Kanten scharf
ein Tag wie zerbrochenes Glas
Schneidend die Worte
das Schweigen der Anderen
Verirrt im Labyrinth
meines Zorns

Am Abend aber
tönt Amselgesang
legt sich
ein milder goldener Schimmer
auf mein Herz
Die Tagessplitter
glänzen
versöhnlich
In aller Vergeblichkeit
warst Du mir nah

Christine Ruppert © 2022

Ostermorgen

Joh. 20, 11-18

Manchmal
stehe ich wie gebannt
und starre auf meine unerfüllten
Wünsche
beweine meine begrabenen
Hoffnungen
nähre den Zorn auf das
schwer Erträgliche

Was suchst du?

Die Frage stört mich
Unwillig wende ich mich
um
und erkenne Dich nicht

Da rufst Du mich
am hellen Tag
bei meinem Namen

Ein Staunen
erblüht
in mir
ein Glück
strahlt auf
Herzwärme breitet sich
um mich
wie ein Mantel


Ich spüre
Dein Licht
in mir
wachsen

Christine Ruppert  © 2018

Nicht allein

2. Mose 14

Noch immer steht das Meer
wie eine Mauer
noch sind die schlimmsten
Katastrophen
nur in meinem Kopf

Tagsüber ist der Weg
oft hell
Ich gehe sicher
fast fröhlich

Gegen Abend aber
fluten die Nachrichten heran
der Boden wird grundlos
die Angstpegel steigen

Dann tröstet mich
Dein Lied
Du selbst hältst
die Verfolger auf Abstand
trägst mich ans rettende
Ufer des Schlafs
und weckst mich
jeden Morgen neu

Christine Ruppert © 2022

Barbara

Einen Zweig ins
Wasser stellen

Mitten in der Kahlheit
an die Möglichkeit
des Blühens glauben

Freude hervorlocken

Christine Ruppert © 2017

Novemberabend

Ungläubig
der Blick aus dem Fenster
der Blick auf die Uhr
Jedes Jahr wieder
überrascht
die frühe Dunkelheit

Es gilt
sich zu wappnen
Ausschau zu halten
nach Lichtschimmern

Ich säe meine Wunschsaat ein
in die Furchen der Nacht
nähre die Hoffnungskeime
mit Sehnsucht
Erinnerungen  Lichtgedanken

erwarte das Wunder

den Winter zu bestehen

Christine Ruppert © 2021

Bergungen

Hüll mich ein
in ein blaues Tuch aus Samt
zärtlich weich und warm

Schenk mir
Worte wie Umarmungen
Buchverstecke
ein Lagerfeuer aus Gesang

Öffne mein Herz
dem Trost einer Freundin
der Stille des Abends
der Nähe des Geliebten

Birg mich
Gott
in deinen Vaterarmen
an deinem Mutterherzen
unter deinen Flügeln

Hüll mich ein
umgib mich ganz
mit deiner Liebe

Christine Ruppert © 2015

Zeichen

Zeichen
durch die Wand
Ein leises Klopfen
warmer Herzen
Briefe
von Exil zu Exil
Gespräche am Telefon
vertraute Gesichter
auf dem Bildschirm
ein digitales Aufleuchten
von Gegenwart

Kleine Gesten
Geschenke
durchdringen
Mauerrisse
Sonnenstrahlen

Ihr seid noch da
Freunde
nach diesem langen Jahr

Uns verbindet
der Schmerz
des Vermissens

Leerstelle

ein Versprechen
auf Zukunft hin

Christine Ruppert © 2021

Passion 21

Wieder einmal
auch in diesem Jahr
keimt die Hoffnung auf
dass etwas anders wird
dass dein Kreuz
dein leeres Grab
Gott
die Wende bringt

Linderung
unseren Seelenwunden
nach einem düsteren Jahr
Heilung
unseren schmerzenden Körpern
Aufatmen
den Gefolterten
Liebe
den von Hass zerfressenen Herzen
Den Gefangenen
Freiheit
Unseren Toten
Licht und Auferstehung
Unserer hungernden Sehnsucht
die Umarmung des Lebens

Christine Ruppert © 2021

Das Geheimnis in mir

Die (Selbst-)
Bilder ablegen

schmerzlich

Immer wieder
annehmen
was ist

Kahlheit aushalten

warten

lauschen

dem Licht
nachspüren
das Obdach
sucht

Mein Zerbrochenes
kann
Herberge
werden

Christine Ruppert © 2020

Weiter Raum

Eng
das Zimmer
die Gedanken
der graue nasskalte Himmel
eng

Ein Lied lockt mich
eine Melodie
deine warme Haut
lässt mich atmen

Ich mache Frühstück
und spüre
den weiten Raum der Dinge

Leuchtende Sommersonne
auf meiner Zunge
Im Haferbrei
das Feld bis zum Horizont
Den freien Lauf des Wassers
in meinem Tee
In all meinen Zellen
die lebendige Kraft des Da-seins

auferstanden
zu einem neuen Tag

Christine Ruppert © 2021