Gebet ohne Worte

Wenn der Schmerz
mir die Sprache
verschlägt
wenn Traurigkeit
meine Worte
austrocknet
schütte
ich mein Herzensgeröll
vor deine Füße
Gott
die schweren Steine
und die spitzen
lausche
ich der Stille
die folgt
und falle

in deine Arme


Christine Ruppert © 2016

Novemberwonne

Gib mir deine graue Decke
November
Ich zieh sie mir über
den Kopf
Ich grabe mich ein in deine
weichen Federn
genieße die Ruhe die
Dunkelheit

Endlich einmal genug
genug getan genug
gewagt genug geleistet
Mein Körper schreit meine Seele
ruft nach Rast

Gib mir deine graue
Decke November Ich zieh
sie mir über den Kopf

Ich krieche ins Weiche undWarme
Ich lasse
los

und seufze
Ach
endlich

Christine Ruppert © 2018

Furcht

Furcht spricht
von furchtbaren Dingen
die geschehen könnten

Furcht malt
einfallsreiche Bilder
in Schreckensfarben

Furcht besitzt ein Kino
und spielt jederzeit
alte und neue Streifen
mit Angstfantasien

Furcht kann
herzklopfenmagendrückenschweiß
ausbruchmuskelkrämpfebrustbeengung


Furcht löst sich
im besten Fall
in Luft auf

Christine Ruppert

Spät im Jahr

Sommerlich gekleidete Menschen
gehen auf staubigen
Oktoberwegen
Dürre Blätter rascheln
Hungrige Vögel zanken sich
im trockenen Gras
Eicheln fallen
mit hartem Laut

Der Sonnenstand
zeigt die Jahreszeit
Schräge Lichtstrahlen
tauchen
gefärbte Äste
in überirdischen Glanz

Christine Ruppert

Muschelsuche

Schwer zu finden
die Worte
versteckt
die glänzenden Steine
das Glück
eines Nachmittags

Aus meinem
Schneckenhaus
Weh
lockt mich
dein lachendes Zutrauen
ins Leben

Freude
durchströmt
die Narbengräben
flutet
glitzernd und perlend
Gedankengänge
legt Muscheln frei

verborgen
mitten im Jetzt

Christine Ruppert

Der Herbst wird bunt

Noch
ist Sommer

Noch
leuchtet am Mittag
die Sonne warm
vom Himmel
wolkenlos

Ich bade
im Blauen
genieße
die glitzernden Wellen
die Farben von
Löwenmaul und Lavendel

Plötzlich
weht mir ein kühlerer
Windstoß
ein buntes Blatt
in meinen Badeschuh

Rot gelb und grün
lacht es mich an
und
sagt mir fröhlich:
Diesmal wird der Herbst
bunt

Christine Ruppert

Wortgarten

Ich trete ein ins Grüne
ins Rauschen und Flüstern
und Raunen

Ich binde einen Strauß
aus Silbensporn und Freudenstern
Augentrost und Satzrosen 

Ich setze mich nieder
bei der Quelle
und spüre wieder
wie das Leben fließt 

Beim Hinausgehen
stutze ich das
Metaphernkraut
und mache
einen
Punkt
.

 Christine Ruppert