Seiltänzerin

Trau nicht
den Stimmen der Angst
Den Katastrophenvorstellungen
nimm das letzte Wort
Lass deine Wut
keine Hasswurzeln schlagen

Bete um Bewahrung vor Bitterkeit

Sprich
die Worte des Vertrauens nach
Halte dich
an die Geschichten der Hoffnung

Besteige das Drahtseil Vertrauen
erneut
– es gibt keinen anderen Weg zum Du –
und geh
als wäre der Abgrund nicht da


Christine Ruppert © 2016

Verkleidungen

Ich erinnere mich
an kindliche
Verwandlungsspiele

Wenn ich nur wollte
war ich
ein braves Schulmädchen
angetan
mit Kleid weißer Schürze und Zöpfen
Die Hausaufgaben
wurden mir zum Spiel

Den großen Garten
durchstreifte ich
auf der Suche nach Abenteuern
als Winnetou
und Robin Hood
mit Pfeil und Bogen

Mühelos glückte mir
das Eintauchen
in die Welten meiner Fantasie
und die Spiele
waren mir Wirklichkeit

Heute sehne ich mich
nach der kindlichen Gabe
mit Leichtigkeit
eine Andere zu sein

Christine Ruppert © 2016

Herzkammer

Sie sagen
DU
kommst
ins Dunkle
bringst
Licht in die Welt
mit deiner Geburt

Ich weiß wohl
DU
kennst
mein Verborgenstes
durchliebst
was ich
nicht lieben kann

Ich hoffe
DU

kommst
zur Welt
in mir
einem Ort
dem Stall so ähnlich
voller Sehnsucht
nach Verwandlung


Christine Ruppert © 2013

Unverhofft

Unverhofft
lockt mich die Kiste
mit Adventsfiguren

Engel Elch und Nikolaus
nehmen leise kichernd
am Fensterbrett
Aufstellung

Bunte Lichter flammen
Warme Töne klingen

Willig öffne ich
dem Zauber
Tür und Tor

Ein kleines Glück
breitet mächtig
seine Schwingen aus
und mein Innerstes
wird leicht
und freudevoll

Christine Ruppert © 2018

Gebet ohne Worte

Wenn der Schmerz
mir die Sprache
verschlägt
wenn Traurigkeit
meine Worte
austrocknet
schütte
ich mein Herzensgeröll
vor deine Füße
Gott
die schweren Steine
und die spitzen
lausche
ich der Stille
die folgt
und falle

in deine Arme


Christine Ruppert © 2016

Novemberwonne

Gib mir deine graue Decke
November
Ich zieh sie mir über
den Kopf
Ich grabe mich ein in deine
weichen Federn
genieße die Ruhe die
Dunkelheit

Endlich einmal genug
genug getan genug
gewagt genug geleistet
Mein Körper schreit meine Seele
ruft nach Rast

Gib mir deine graue
Decke November Ich zieh
sie mir über den Kopf

Ich krieche ins Weiche undWarme
Ich lasse
los

und seufze
Ach
endlich

Christine Ruppert © 2018

Furcht

Furcht spricht
von furchtbaren Dingen
die geschehen könnten

Furcht malt
einfallsreiche Bilder
in Schreckensfarben

Furcht besitzt ein Kino
und spielt jederzeit
alte und neue Streifen
mit Angstfantasien

Furcht kann
herzklopfenmagendrückenschweiß
ausbruchmuskelkrämpfebrustbeengung


Furcht löst sich
im besten Fall
in Luft auf

Christine Ruppert

Spät im Jahr

Sommerlich gekleidete Menschen
gehen auf staubigen
Oktoberwegen
Dürre Blätter rascheln
Hungrige Vögel zanken sich
im trockenen Gras
Eicheln fallen
mit hartem Laut

Der Sonnenstand
zeigt die Jahreszeit
Schräge Lichtstrahlen
tauchen
gefärbte Äste
in überirdischen Glanz

Christine Ruppert

Muschelsuche

Schwer zu finden
die Worte
versteckt
die glänzenden Steine
das Glück
eines Nachmittags

Aus meinem
Schneckenhaus
Weh
lockt mich
dein lachendes Zutrauen
ins Leben

Freude
durchströmt
die Narbengräben
flutet
glitzernd und perlend
Gedankengänge
legt Muscheln frei

verborgen
mitten im Jetzt

Christine Ruppert