Herbarium

Gedicht aus der Reihe „Erinnerung“

I
Herbsterinnerungen
haltbar
wie gepresste Blätter
zwischen den Seiten
meiner Jahre

II
Raschelnd und duftend
der große Blätterhaufen
meiner Kindheit

Gefüllt die Hände
mit buntem Laub
und glänzenden Kastanien

Die Freude
des Suchens und Findens

Fallende Blätter
an einem windstillen Tag

Christine Ruppert  © 2019

Rose

rose
du
wenn ich dich
ansehe
voll staunen
voll freude
werde ich
immer mehr
du
zartblättrig
sonnendurchleuchtet
mich verströmend
weiß und errötend
nach himbeere
dufte ich
nach zitrus
nach rose
du

Christine Ruppert © 2016

Damals im Sommer

Nackte Füße in Sandalen
Freiheit   Träume
Wolkenbilder
Eiscreme und Comics im hohen Gras

Indianerzelt und Waldesrauschen
Abends lange auf
Schulfrei
bis zum Horizont

Christine Ruppert © 2020

Frühlingstrost II

Vogelgesang tönt herznah
Blätter grünen tröstlich mir vom Leben
Jeder Baum spricht mir Mut zu

Hoffnung
blüht mir entgegen

Christine Ruppert © 2020

Februar

Aus langen grauen Wochen
schlüpft ein blauer Tag

Kalte klare Sonnenstrahlen
blenden
die wintermüden Augen

Das Licht lockt
die matten Lebensgeister

Erstarrte Träume
fliegen wieder

Abends ist es
länger hell


Christine Ruppert © 2015

2020

Mitte Januar
10 Grad
Regen
     Meere erwärmen sich schneller als erwartet
     Landwirtschaft fürchtet nächsten Dürresommer

In der Straße
vor meinem Fenster
pflanzen sie einen Baum

Hat er
eine
Chance
?

Christine Ruppert © 2020

Juli

Am See
will ich meine Wurzeln
in den Boden senken
und fest stehen
Bunte Steine wie Muscheln
zwischen meinen Füßen
In der Brandung spielen kleine Fische

Am See
will ich mich niederlassen
da sein
nackt sein
ich sein
und den schwebenden Segeln
nachträumen
in der Weite

Dem See
will ich näher kommen
durch die kühlen Wellen am Ufer laufen
meine nackten Zehen
in den warmen Kies graben

Am See
kann ich
Verwandlung erleben
in der GEGENWART

Christine Ruppert © 2013

Frühlingstrost

Es ist ein Trost
dass der Kirschbaum
dennoch blüht
ein Meer aus rosaroten Wogen
und dass die Amsel mutig ihr Lied singt
im Morgengrauen

Ein Trost ist
die Wiederkehr der Hummeln
die umhegte Weite des Rasens
das weiche Moos unter meinen Füßen
und das schüchterne Lächeln der Gänseblümchen

Die leuchtende Lebensfreude der Tulpen
ist tröstlich
die Standhaftigkeit der Butterblumen
und die zarten Schirmchen
ihrer verwandelten Schwestern
die mir sagen:
Lass los
Es kommen neue Wege
von denen du nichts ahnst

Christine Ruppert © 2016

März

Nackt
stehen die Bäume
im Frühjahr

Zögerlich nur
wärmen sie ihren Stamm
der so viele Stürme bestanden hat
in der Sonne

Die kahlen Zweige
recken sich
fremd noch
ins fragwürdige Blau
des Frühlingshimmels

Vorsichtig
tastest auch du
nach der Grünkraft
in deinem Inneren

Du stehst am Fenster
und fragst dich
was du hoffen kannst
von diesem Sommer

Christine Ruppert © 2013

Lichtgeburt

Hinaus!
Hinaus aus den vier Wänden!

Himmelweit
dehnen sich die Wolken
über der Allee
Schwarz
schreibt das Astgewirr
der Bäume Weisheit
in den Winterhimmel

eine Ahnung nur
vom ABC der Zweige

Am Satzende
strahlt die Sonne auf

Staunend stehe ich
im Wolkenriss
minutenlang
überschüttet
von Licht

Christine Ruppert © 2019